Kontrollkarten – auch Regelkarten oder Quality Control Charts genannt – gehören zu den wichtigsten Werkzeugen der internen Qualitätssicherung in Prüf- und Kalibrierlaboratorien nach EN ISO/IEC 17025 sowie in medizinischen Laboratorien nach EN ISO 15189. Sie machen die Leistungsfähigkeit eines Prüfverfahrens über die Zeit sichtbar und helfen, systematische Abweichungen frühzeitig zu erkennen.
In der Praxis stellen sich dabei immer wieder dieselben Fragen: Wie berechne ich Warn- und Eingriffsgrenzen korrekt? Was tue ich, wenn mein Verfahren so präzise ist, dass die Grenzen unpraktikabel eng werden? Und wie erkläre ich dem Auditor, warum die Kontrollgrenzen breiter sind als die angegebene Messunsicherheit?
Dieser Artikel beantwortet die häufigsten Fragen aus der Beratungspraxis – praxisnah, auditnah und ohne unnötige Statistik-Theorie.
Kontrollkarten dienen der laufenden Überwachung der Gültigkeit von Ergebnissen – so fordert es ISO 17025 in Abschnitt 7.7 und ISO 15189 in Abschnitt 7.2. Sie zeigen, ob ein Prüfverfahren über die Zeit stabil arbeitet und ob die Ergebnisse vertrauenswürdig sind.
Das Grundprinzip ist einfach: Regelmäßig wird eine Kontrollprobe – idealerweise unter Routinebedingungen – gemessen und der Wert in eine Karte eingetragen. Liegt der Wert innerhalb definierter Grenzen und zeigt kein auffälliges Muster, gilt der Prozess als „unter Kontrolle“.
Die Kontrollkarte ist damit kein Selbstzweck, sondern ein Frühwarnsystem: Sie zeigt Trends und Shifts, bevor diese zu fehlerhaften Prüfergebnissen führen.
Die klassische Kontrollkarte nach Shewhart (ISO 7870-2:2023) arbeitet mit drei Linien:
Das 2s/3s-Modell ist die Standardmethode und wird von den meisten Akkreditierungsstellen als Referenz herangezogen. Aber: Es ist keine zwingende Norm-Vorgabe. Die ISO 17025 schreibt nicht vor, wie die Grenzen berechnet werden müssen – sie fordert, dass die Überwachung geplant, durchgeführt und die Daten analysiert werden.
Praxistipp: Die 2s/3s-Methode ist der sichere Weg, weil Auditoren sie kennen und erwarten. Wenn Sie davon abweichen, brauchen Sie eine nachvollziehbare Begründung.
Ein Labor fragte uns kürzlich: Bei automatisierten Messgeräten – etwa Dichtemessgeräten mit Biegeschwinger – sind die Messwerte extrem präzise. Die Varianz ist so gering, dass die 2s- und 3s-Grenzen praktisch auf dem Mittelwert kleben. Ergebnis: Ständig werden Außerkontroll-Situationen angezeigt, die keine echten Probleme widerspiegeln.
Dieses Phänomen ist typisch für hochpräzise Messverfahren, bei denen die Zwischenpräzision (Laborpräzision) sehr klein ist. Es gibt mehrere legitime Ansätze:
a) Prüfen Sie, ob die Vorperiode die reale Streuung abbildet. Wenn nur unter perfekten Bedingungen gemessen wurde (gleicher Tag, gleicher Prüfer, gleiche Charge), bildet die Standardabweichung nur die Wiederholbarkeit ab – nicht die tatsächliche Laborstreuung. Beziehen Sie bewusst unterschiedliche Tage, Prüfer und Chargen der Kontrollprobe ein.
b) Erweitern Sie die Grenzen auf Basis der Messunsicherheit. Wenn die berechneten 2s/3s-Grenzen enger sind als Ihre nachgewiesene Messunsicherheit, können Sie die Messunsicherheit als Grundlage für die Grenzen verwenden. Die Logik dahinter: Es macht keinen Sinn, einen Alarm auszulösen, wenn die Abweichung innerhalb der Messunsicherheit der Methode liegt.
c) Nutzen Sie die Ergebnisse der Verifizierung. Wenn Ihre Methodenverifizierung einen Vertrauensbereich von z. B. 6 mg/l ergeben hat, aber die 2s-Grenze bei 4 mg/l liegt, ist es fachlich begründbar, die Verifizierungsergebnisse als Basis heranzuziehen.
d) Dokumentieren Sie die Begründung. Welchen Weg Sie auch wählen – der Auditor wird fragen: Warum sind Ihre Grenzen weiter als 2s/3s? Die Antwort muss nachvollziehbar im QM-System dokumentiert sein.
Ein anderes Labor berichtete: Der Auditor beanstandete, dass die Regelkartengrenzen für die berichteten Messunsicherheiten auf den Prüfberichten „zu weit“ seien. Die Frage: Wie kann es sein, dass die 2-3-fache Standardabweichung meiner Kontrollkarte größer ist als die Messunsicherheit meiner gesamten Methode?
Diese Situation ist gar nicht so selten – und sie ist nicht automatisch ein Fehler. Die Ursache liegt im Unterschied zwischen dem, was Kontrollkarte und Messunsicherheit jeweils messen:
Kontrollkarte (Standardabweichung): Erfasst die Zwischenpräzision unter Laborbedingungen – also die Streuung über Tage, Prüfer, Chargen, Kalibrierungen hinweg. Je länger der Zeitraum, desto mehr Einflussgrößen fließen ein.
Messunsicherheit: Wird häufig aus Validierungs- oder Verifizierungsdaten berechnet und kann, je nach Ansatz, einen engeren Streuungsbereich abbilden – etwa wenn sie primär auf Wiederholbedingungen basiert.
Wenn die Kontrollkarten-Streuung größer ist als die MU, bedeutet das in der Regel, dass entweder die Kontrollkarte realistischere Langzeitstreuung erfasst als die MU-Berechnung oder dass die Messunsicherheit die realen Einflussgrößen nicht vollständig abbildet.
So argumentieren Sie gegenüber dem Auditor:
Für eine statistisch belastbare Berechnung der Grenzen werden mindestens 20 bis 30 Werte empfohlen. Bei weniger als 20 Werten sind die Schätzungen der Standardabweichung noch sehr unsicher. Manche Leitfäden empfehlen sogar 36 oder mehr Werte. Grundsätzlich gilt: Je mehr Werte, desto robuster die Grenzen.
Es gibt keine starre Regel, aber eine jährliche Überprüfung hat sich bewährt – oder wenn sich Rahmenbedingungen ändern: neues Gerät, neue Charge der Kontrollprobe, Methodenänderung, Personalwechsel. Dokumentieren Sie den Zeitpunkt und den Grund der Neuberechnung.
Es ist fachlich sinnvoll, die Werte der Vorperiode mit einem Ausreißertest (z. B. Grubbs-Test) zu prüfen. Achtung: Das Eliminieren von Ausreißern macht die Grenzen noch enger. Dokumentieren Sie, welche Werte eliminiert wurden und warum.
Der Median ist robuster gegenüber Ausreißern und eignet sich besonders dann, wenn Ihre Daten nicht normalverteilt sind oder wenn Sie eine kleine Datenbasis haben. Für die meisten Routineanwendungen im Labor ist der Mittelwert aber der Standard.
Ja – bei zertifizierten Referenzmaterialien oder Standards mit bekannter Konzentration kann der Vorgabewert als Mittellinie verwendet werden. Die Grenzen berechnen Sie dann trotzdem aus Ihrer tatsächlich gemessenen Streuung.
Kontrollkarten sind nicht nur ein Überwachungswerkzeug – richtig eingesetzt sind sie eines der wirksamsten vorbeugenden Instrumente im Labor:
Trends erkennen: Eine schleichende Drift ist auf der Kontrollkarte sichtbar, bevor ein Grenzwert überschritten wird. Sieben aufeinanderfolgende Werte auf einer Seite der Mittellinie („Run“) deuten auf eine systematische Veränderung hin.
Wartungsbedarf vorhersagen: Wenn die Streuung zunimmt, kann das auf Verschleiß des Geräts oder Alterung von Reagenzien hindeuten – ein Signal für präventive Wartung.
Schulungsbedarf erkennen: Wenn ein bestimmter Prüfer systematisch höher oder niedriger misst, zeigt die Kontrollkarte das über die Zeit deutlich.
Methodenverbesserung treiben: Die langfristige Analyse von Kontrollkartendaten liefert wertvolle Informationen für die kontinuierliche Verbesserung Ihrer Prüfverfahren.
Für die praktische Arbeit mit Kontrollkarten im akkreditierten Umfeld sind folgende Dokumente relevant:
Kontrollkarten sind kein bürokratischer Selbstzweck, sondern ein mächtiges Werkzeug zur Sicherung Ihrer Ergebnisqualität. Die häufigsten Probleme in der Praxis entstehen nicht durch die Karten selbst, sondern durch fehlende oder unzureichende Dokumentation der Entscheidungen, die dahinter stehen.
Ob Sie 2s/3s-Grenzen verwenden, auf Basis der Messunsicherheit spreizen oder alternative Ansätze wählen – entscheidend ist, dass Sie Ihre Wahl nachvollziehbar begründen und dokumentieren können. Dann wird auch das nächste Audit entspannt.
Unser Tipp: Überprüfen Sie Ihre aktuellen Kontrollkarten auf drei Punkte: Sind die Grenzen aus einer ausreichend großen Vorperiode berechnet? Stehen die Grenzen in einem plausiblen Verhältnis zur Messunsicherheit? Und ist die Begründung für Ihre Grenzen dokumentiert? Wenn Sie alle drei Fragen mit Ja beantworten können, sind Sie gut aufgestellt.
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